Durchlaufzeit berechnen: Formel, MES-Daten und Nutzen
Die Durchlaufzeit zeigt, wie lange ein Auftrag oder Teil vom festgelegten Start bis zum festgelegten Ende benötigt.
Sie umfasst nicht nur die Bearbeitungszeit. Auch Rüst-, Warte-, Liege-, Transport- und Prüfzeiten können enthalten sein.

Was sagt die Durchlaufzeit aus?
Die Durchlaufzeit beantwortet die Frage:
„Wie lange dauert es tatsächlich, bis ein Auftrag oder Teil den betrachteten Produktionsprozess durchlaufen hat?“
Eine lange Durchlaufzeit kann beispielsweise entstehen durch:
- hohe Zwischenbestände
- lange Warte- und Liegezeiten
- fehlendes Material
- Engpässe
- ungünstige Auftragsreihenfolgen
- lange Rüstzeiten
- Qualitätsprobleme und Nacharbeit
- fehlende Informationen oder Freigaben
Die Kennzahl zeigt die Gesamtdauer. Für Verbesserungen müssen die einzelnen Zeitanteile zusätzlich ausgewertet werden.
Wie wird die Durchlaufzeit berechnet?
Die einfachste Formel lautet:
Durchlaufzeit = Endzeitpunkt − Startzeitpunkt
Alternativ kann die Durchlaufzeit aus ihren Bestandteilen berechnet werden:
Durchlaufzeit = Bearbeitungszeit + Rüstzeit + Wartezeit + Liegezeit + Transportzeit + Prüfzeit
Welche Zeitarten berücksichtigt werden, muss das Unternehmen eindeutig festlegen.
Beispiel für die Berechnung
Ein Produktionsauftrag wird am Montag um 08:00 Uhr gestartet und am Dienstag um 14:00 Uhr fertiggestellt.
Die gesamte Durchlaufzeit beträgt:
Dienstag 14:00 Uhr − Montag 08:00 Uhr = 30 Stunden
Die Zeitanteile verteilen sich beispielsweise wie folgt:
| Wert | Ergebnis |
|---|---|
| Bearbeitungszeit | 8 Stunden |
| Rüstzeit | 2 Stunden |
| Warte- und Liegezeit | 16 Stunden |
| Transportzeit | 2 Stunden |
| Prüfzeit | 2 Stunden |
| Gesamte Durchlaufzeit | 30 Stunden |
Nur zehn Stunden wurden für Bearbeitung und Rüsten genutzt. Der größte Anteil entstand durch Warte- und Liegezeiten.
Welche Daten werden benötigt?
| Benötigte Daten | Typische Datenquelle |
|---|---|
| Auftragsstart | BDE, MES oder ERP |
| Auftragsende | BDE, MES oder ERP |
| Start und Ende der Arbeitsgänge | BDE oder MES |
| Bearbeitungszeiten | Maschine, MDE, BDE oder MES |
| Rüstzeiten | BDE, MDE oder MES |
| Warte- und Liegezeiten | MES oder Ableitung aus Zeitstempeln |
| Transportzeiten | MES oder Intralogistiksystem |
| Prüfzeiten | CAQ oder MES |
| Auftragsstatus | ERP oder MES |
| Materialbewegungen | ERP, Lagerverwaltung oder MES |
| Nacharbeitsvorgänge | MES, BDE oder CAQ |
Für eine Ursachenanalyse reichen Start- und Endzeitpunkt allein nicht aus. Die einzelnen Zeitanteile müssen erkennbar sein.
Welchen Vorteil bietet ein MES?
Die Durchlaufzeit kann auch ohne MES berechnet werden.
Dafür müssen Auftrags-, Arbeitsgangs- und Zeitdaten jedoch häufig aus unterschiedlichen Listen und Systemen zusammengeführt werden. Warte- und Liegezeiten bleiben dabei oft verborgen.
Ein MES kann den Auftragsfortschritt und die einzelnen Zeitpunkte laufend erfassen.
Dadurch entstehen folgende Vorteile:
- aktuelle Durchlaufzeit je Auftrag
- automatische Erfassung der Arbeitsgangszeiten
- Trennung von Bearbeitungs-, Warte- und Liegezeiten
- Erkennung von Engpässen und Verzögerungen
- Auswertung nach Auftrag, Artikel, Arbeitsplatz und Zeitraum
- Verbindung mit Material-, Qualitäts- und Maschinendaten
- frühzeitige Erkennung gefährdeter Termine
- Vergleich von Plan- und Ist-Zeiten
- weniger manuelle Auswertungen
- Kontrolle umgesetzter Verbesserungsmaßnahmen
Der wichtigste Nutzen liegt nicht allein in der Gesamtdauer.
Ein MES zeigt zusätzlich, an welcher Stelle und aus welchem Grund Zeit verloren wurde.
Ein MES verkürzt die Durchlaufzeit jedoch nicht automatisch. Die Verbesserung entsteht durch die Beseitigung der erkannten Ursachen.
Was muss vor der Berechnung festgelegt werden?
Die Formel allein reicht nicht aus.
Das Unternehmen muss unter anderem klären:
- Wann beginnt die Durchlaufzeit?
- Wann endet sie?
- Wird der gesamte Auftrag oder ein einzelner Arbeitsgang betrachtet?
- Werden arbeitsfreie Zeiten berücksichtigt?
- Gehören Rüstzeiten zur Durchlaufzeit?
- Wie werden Warte- und Liegezeiten unterschieden?
- Werden Transport- und Prüfzeiten einbezogen?
- Wie wird Nacharbeit behandelt?
- Wie werden unterbrochene oder geteilte Aufträge berücksichtigt?
- Wird die Durchlaufzeit je Stück, Los oder Auftrag berechnet?
Ohne einheitliche Regeln sind Durchlaufzeiten nicht zuverlässig vergleichbar.
Auftragsdurchlaufzeit und Arbeitsgangsdurchlaufzeit
Die Durchlaufzeit kann auf unterschiedlichen Ebenen betrachtet werden.
Auftragsdurchlaufzeit
Sie umfasst die Zeit vom definierten Start des Produktionsauftrags bis zu seiner Fertigstellung.
Arbeitsgangsdurchlaufzeit
Sie betrachtet nur einen einzelnen Arbeitsschritt.
Gesamtdurchlaufzeit
Sie kann zusätzlich vorgelagerte oder nachgelagerte Bereiche einbeziehen, beispielsweise:
- Auftragsfreigabe
- Materialbereitstellung
- Produktion
- Qualitätsprüfung
- Verpackung
- Warenausgang
Die Betrachtungsebene muss in der Kennzahl eindeutig benannt werden.
Unterschied zwischen Durchlaufzeit und Bearbeitungszeit
Die Bearbeitungszeit zeigt die Zeit, in der ein Teil tatsächlich bearbeitet wird.
Die Durchlaufzeit umfasst zusätzlich weitere Zeitanteile:
- Warten
- Liegen
- Transport
- Rüsten
- Prüfen
Deshalb ist die Durchlaufzeit häufig deutlich länger als die reine Bearbeitungszeit.
Unterschied zwischen Durchlaufzeit und Lieferzeit
Die Durchlaufzeit betrachtet einen definierten internen Prozess.
Die Lieferzeit kann zusätzlich enthalten:
- Auftragsbearbeitung
- Beschaffung
- externe Bearbeitung
- Versand
- Transport zum Kunden
Beide Begriffe dürfen nicht gleichgesetzt werden.
Wie ist die Durchlaufzeit zu bewerten?
Eine kurze Durchlaufzeit ist grundsätzlich positiv.
Sie kann zu folgenden Vorteilen führen:
- schnellere Lieferung
- geringere Zwischenbestände
- weniger gebundenes Kapital
- höhere Flexibilität
- frühere Fehlererkennung
- bessere Planbarkeit
Eine sehr kurze Durchlaufzeit ist aber nicht automatisch wirtschaftlich. Zusätzliche Transporte, häufige Rüstvorgänge oder hohe Priorisierungskosten können den Nutzen reduzieren.
Die Kennzahl sollte gemeinsam betrachtet werden mit:
- Wartezeit
- Rüstzeit
- Planerfüllung
- Termintreue
- Maschinenauslastung
- Umlaufbestand
- Bearbeitungszeit
Welcher Wert ist gut?
Es gibt keinen allgemein gültigen Zielwert.
Der sinnvolle Zielwert hängt unter anderem ab von:
- Produktionsart
- Anzahl der Arbeitsgänge
- Losgröße
- Produktvariante
- Prüfanforderungen
- Materialverfügbarkeit
- Engpässen
- Fremdbearbeitung
Entscheidend ist der Vergleich mit:
- definierten Zielwerten
- geplanten Durchlaufzeiten
- vergleichbaren Aufträgen
- früheren Zeiträumen
Wie lässt sich die Durchlaufzeit verbessern?
Geeignete Maßnahmen sind beispielsweise:
- Warte- und Liegezeiten sichtbar machen
- Zwischenbestände reduzieren
- Engpassarbeitsplätze entlasten
- Auftragsreihenfolgen verbessern
- Material früher bereitstellen
- Rüstzeiten verkürzen
- Losgrößen überprüfen
- Qualitätsprobleme früher erkennen
- Freigaben und Informationen rechtzeitig bereitstellen
- Transportwege verbessern
- Nacharbeit reduzieren
Häufig liegt das größte Potenzial nicht in der eigentlichen Bearbeitungszeit, sondern in den Zeiten zwischen den Arbeitsgängen.
Welchen Nutzen hat das Unternehmen?
Eine belastbare Durchlaufzeit hilft Unternehmen:
- Lieferzeiten zu verkürzen
- Termine besser einzuhalten
- Zwischenbestände zu reduzieren
- gebundenes Kapital zu senken
- Engpässe zu erkennen
- Auftragsreihenfolgen zu verbessern
- Produktionskapazität besser zu nutzen
- Verzögerungen früher zu erkennen
- Planzeiten zu überprüfen
- Verbesserungsmaßnahmen nachzuweisen
Zeitverluste können zusätzlich in Bestandskosten, Maschinenstunden und Euro bewertet werden.
Durchlaufzeit im MES-Lastenheft definieren
Die Anforderung
„Das MES muss die Durchlaufzeit berechnen.“
ist für ein MES-Lastenheft nicht ausreichend.
Zusätzlich sollte festgelegt werden:
- verwendete Berechnungsformel
- definierter Start- und Endzeitpunkt
- betrachtete Prozesse und Arbeitsgänge
- berücksichtigte Zeitarten
- Behandlung arbeitsfreier Zeiten
- Behandlung von Rüsten, Prüfen und Transport
- Behandlung unterbrochener Aufträge
- Behandlung von Nacharbeit
- Berechnung je Auftrag, Los, Stück oder Arbeitsgang
- automatische und manuelle Datenquellen
- Auswertung nach Auftrag, Artikel, Arbeitsplatz und Zeitraum
- Darstellung der einzelnen Zeitanteile
- Plan-Ist-Vergleich
- Filter-, Vergleichs- und Exportmöglichkeiten
- historische Speicherung
- Meldung bei Grenzwertüberschreitungen
Nur mit diesen Festlegungen können MES-Anbieter die Anforderung eindeutig bewerten.
Häufige Fragen zur Durchlaufzeit
Der festgelegte Startzeitpunkt wird vom Endzeitpunkt abgezogen. Alternativ werden alle enthaltenen Zeitarten addiert.
Je nach Definition können Bearbeitungs-, Rüst-, Warte-, Liege-, Transport- und Prüfzeiten enthalten sein.
Die Bearbeitungszeit umfasst nur die tatsächliche Bearbeitung. Die Durchlaufzeit enthält zusätzlich Warte-, Liege- und weitere Nebenzeiten.
Benötigt werden unter anderem Start- und Endzeiten, Arbeitsgangszeiten, Auftragsstatus, Rüstzeiten und Materialbewegungen.
Ja. Ohne MES müssen die Zeitpunkte jedoch häufig manuell aus verschiedenen Quellen zusammengeführt werden.
Nein. Ein MES macht Zeitverluste und Ursachen sichtbar. Die Verkürzung entsteht durch konkrete Prozessverbesserungen.
Weitere Informationen
Weitere passende Kennzahlen sind:
Weitere Grundlagen finden Sie auf der Übersichtsseite MES-Kennzahlen und unter MES-Lastenheft erstellen.
